Eine Geschichte von Daniel – Gelesen bei UNART


Der Vollmond tauchte die Lichtung in sein geisterhaftes Licht. Er beschien die Baumwipfel des Mischwaldes, und spiegelte sich auf der Oberfläche des kleinen Teiches, welches am Schotterweg grenzte

Das Licht des Vollmondes beleuchtete auch den Weg für die beiden Jungen, die in Eile durch den Wald hetzten. In normalen Nächten, wären sie gemütlich den Schotterweg entlang geschlendert, der durch den Park führte. Aber dies war keine normale Nacht, denn jemand verfolgte sie.

Tobias keuchte vor Erschöpfung, als er sich gegen den Stamm einer uralten Eiche lehnte. Er hielt sich die Seiten, das Stechen war unerträglich. Man sah ihm nicht an, dass er schon 16 Jahre alt war. Was man ihm aber ansah, war, dass er noch nie eine Turnhalle von Innen gesehen hatte. Er war zwar nicht wirklich dick, aber einfach total außer Form. Und zu später Stunde um sein Leben zu laufen, gehörte auch nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Mit seinen pechschwarzen Haaren, und den leicht asiatischen Gesichtszügen, war er der Mädchenschwarm an seiner Schule. Aber jetzt hätte ihn keine attraktiv gefunden. Er war schweißgebadet, und seine Haare waren durch die Flucht zerzaust worden.

„Was machst du denn? Wir müssen weiter.“ zischte Jonas.
Tobias Freund war gerade einmal 14 Jahre alt. Er hatte hellblonde Haare, die sehr kurz waren. Mit seinen Sommersprossen und hellblauen Augen, sah auch er nicht gerade unattraktiv aus. Aber die Mädchen gingen ihm aus dem Weg, weil er so friedfertig und sanftmütig war. Das scherte ihn jedoch nicht im Geringsten. Und gerade jetzt, war sein fehlendes Liebesleben, sein geringstes Problem.
Jonas setzte sich neben Tobias. Er zeigte keine Spur von Anstrengung. Man könnte glatt meinen, er käme von einem gemütlichen Nachtspatziergang. Der Grund dafür, baumelte an einer Kette um seinen Hals. Eine gläserne Kugel, die so aussah wie der Vollmond, und nicht einmal so groß war, wie ein Hühnerei. Das Mondamulett.
„So etwas, hätte ich jetzt auch gerne.“ murrte Tobias.
Jonas Gesicht verdüsterte sich. „Pass auf was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen.“ rezitierte er einen Spruch, den Merlin selbst, einstmals ausgesprochen haben soll.

„Was ist eigentlich los mit dir?“ wollte Jonas wissen. „Als ich dich fragte, ob du eine Flucht durch den Wald durchhalten würdest, bejahtest du es. Wir können es uns nicht leisten, geschnappt zu werden.“
Tobias stand auf. „Mir geht es hervorragend, ich bin nicht mehr erschöpft.“ sagte er.
Sein Anblick, strafte seine Worte Lügen, aber Jonas ersparte sich jeden Kommentar. Stattdessen stand auch er auf, um sich umzusehen. Ihre Verfolger waren sicherlich in der Nähe.
Er irrte sich nicht. Fluchend setzte er sich wieder hin, und zog auch Tobias mit sich zu Boden.
„Da sind sie.“ meinte der Jüngere.
Tobias glaubte ihm aufs Wort. Das Mondamulett erlaubte seinem Träger, in finsterster Nacht besser zu sehen, als tagsüber.
„Wie viele sind es?“ wollte der ältere Junge wissen.
?Ich habe Andrea und Kevin gesehen. In ihrer Begleitung waren noch drei andere. Zwei Jungs, die bei mir um die Ecke wohnen, ich glaube, es sind Türken oder Libanesen. Und ein blondes Mädchen, das ich noch nie gesehen habe.? kam die Antwort von Jonas.
Andrea, eine kleinwüchsige Italienerin, die sich die Haare blond färbte; und Kai, ein stämmiger, aggressiver Junge; waren erst kürzlich volljährig geworden. Sie waren bekannt dafür, dass sie sich mit jüngeren Lakaien umgaben. Ihre Begleiter konnten höchstens so alt wie Tobias sein. Außerdem waren sie der Schrecken des Schulhofes.
Es war noch nicht allzu lange her, dass ein Junge sich weigerte, Schutzgeld an sie zu bezahlen. Als seine Kaninchen tot vor seiner Haustür lagen, änderte er seinen Entschluss. Selbige hatten sich bestimmt nicht selbst ertränkt. Ein weiterer Junge weigerte sich, Drogen aus der Arztpraxis seines Vaters zu stehlen. Seitdem jedoch der Gartenschuppen, mitsamt seiner kleinen Schwester, abbrannte, war er ihr Hauptlieferant.
„Haben sie irgendwelche Waffen bei sich?“ erkundigte sich Tobias.
„Ich schaue noch mal nach.“ erwiderte Jonas.
Er stand auf, und spähte vorsichtig nach ihren Verfolgern. Er entdeckte sie sogleich erneut, und sah auch das, was sie als Bewaffnung trugen. Jonas sank sofort wieder zu Boden. Tobias konnte nur sehr wenig sehen, dennoch war er sich sicher, dass sein Freund mit einem Mal, kreidebleich geworden war.
„Also?“ erkundigte er sich erneut.
„Die beiden Jungen haben Gewehre dabei, Andrea hat einen Totschläger, das andere Mädchen befindet sich im Besitz von zwei Gartenäxten, und Kevin hat ein langes Buschmesser dabei!“ antwortete Jonas stockend.
„Wir sind auch nicht völlig unbewaffnet.“ entgegnete Tobias entschlossen, und zog eine Pistole aus seiner Jackentasche.
Jonas Augen wurden groß. „Wo hast du die denn her?“ wollte er wissen.
„Mein Opa war ein Landsknecht im zweiten Weltkrieg!“ antwortete Tobias „Seitdem geht er nie ohne Waffe aus dem Haus. Ich habe sie mir nur von ihm ausgeliehen, aber auf die klassische Weise.“
„Auf die klassische Weise?“ hakte der Jüngere nach.
„Ohne dass er davon weiß!“ kam prompt die Antwort.
„Hör zu.“ Jonas flüsterte jetzt „Wir sind uns doch darüber im Klaren, dass keiner von ihnen,“ damit wies er auf die fünf Jungendlichen, die die beiden Jungen noch nicht bemerkt hatten, „den Lilienkelch bekommen darf.“
Bei diesen Worten zog er einen schmalen, silbernen Kelch hervor. Dieser war nicht größer als ein gewöhnlicher Kirchenkelch, hatte jedoch die Form einer geöffneten Lilienblüte. Außerdem war er sehr leicht, und aus einem Metall gefertigt, welches außerhalb des Feenreiches wohl unbekannt war. Man sah dem Lilienkelch nicht an, dass er über gewaltige magische Kräfte verfügte. Auf dem Flohmarkt, hätte ihm kaum einer einen zweiten Blick geschenkt.
Der Kelch war vor schon längerer Zeit gestohlen worden. Tobias und Jonas, hatten sich bereit erklärt, ihn zu suchen. Das war nicht weiter schwer für sie. Sie mussten lediglich in ihrer Umgebung danach suchen. Keine Elfe konnte das Feenreich noch verlassen, ohne unter den Menschen aufzufallen. Aber was war unauffälliger, als zwei Menschen, die in ihrer Welt lebten. Und dann auch noch dort, wo die Elfenzauberer den Kelch vermuteten.