Eine Geschichte von Daniel – Gelesen bei UNART

Tobias blieb stehen. Er hatte aus der Ferne Schüsse gehört. Für einen Moment erwog er, zurückzukehren, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Wenn Jonas nicht davonkam, trotz seiner – durch das Mondamulett gesteigerten – Kräfte, würde auch er nicht viel ausrichten können. Im Gegenteil sogar, Tobias würde Jonas nur aufhalten, weil er mit seinem Tempo nicht würde mithalten können.
Tobias war nun an seinem Zielort angekommen. Doch von dem Portal ins Elfenreich war nichts zu sehen. Natürlich nicht, denn es war ja unsichtbar. Tobias stand vor einer schmalen, kleinen Senke. Er holte ein dünnes, kleines Fläschchen aus seiner Tasche. darin befand sich ein weißes Pulver, welches er in die Senke streute.
Plötzlich wurde das Elfenportal sichtbar. Vor dem Jungen stand nun eine weiße Kugel, die so aussah, wie ein Golfball. Allerdings war sie sehr viel größer. Sie maß etwa zwei Meter im Durchmesser, und war Normalerweise völlig unsichtbar. Pech für den, der sie unwissentlich betrat, denn der Ausgang lag in einer Drachenhöhle.
Tobias sah noch einmal hinter sich. Er hoffte, Jonas zu sehen. Seine Hoffnung blieb unerfüllt. Er zuckte noch einmal mit den Schultern, und betrat die Kugel.
Diese verschluckte ihn, denn plötzlich war er verschwunden. Nur wenige Augenblicke später, verschwand auch die weiße Kugel.

„Verfluchter Bastard.“ knurrte Andrea. Sie stand langsam wieder auf. Ihre drei Lakaien waren bereits auf den Beinen.
„Wir verfolgen diesen elenden Hund.“ beschloss sie.
„Und was wird aus Kevin?“ wollte das Mädchen wissen „Ich habe gesehen, wie ihn eine Kugel erwischt hat.“
„Dann ist er jetzt tot!“ sagte Andrea „Ein Grund mehr, diesen schrägen Vogel zu verfolgen.“
Andrea wusste, dass ihr bester Freund möglicherweise nur verletzt war, und Hilfe brauchte, aber lieber ließ sie ihn hier verbluten, als dass sie die Verfolgung von Jonas aufgab.
Das Mädchen wollte noch etwas sagen, doch Andrea hob ihren Totschläger, das Gewehr hatte sie dem Jungen zurück gegeben. Dann fragte sie lauernd: „Möchtest du, dass wir ohne dich weitersuchen?„
Das Mädchen verstummte, und senkte schnell den Blick.
„Na also, geht doch.“ murmelte Andrea.
Dann rannten die vier Jugendlichen, Jonas hinterher.

Kevin rappelte sich auf. Er blutete an der Wange. Dort hatte ihn ein Querschläger getroffen. Die anderen Kugeln waren in den Baumstamm eingedrungen, und aus den Einschusslöchern quoll nun feuchtes Sägemehl, durchtränkt mit Baumharz.
Der Junge stecke das Messer wieder in seinen Gürtel, und wollte sich wieder auf die Suche nach Jonas machen. Und während Kevins Phantasien davon übersprudelten, was er Jonas anzutun gedachte, entdeckte er im fahlen Mondlicht die zweite Fußspur auf dem Waldboden.
Kevin war nicht völlig verblödet. Wo eine zweite Spur zu sehen war, musste auch eine zweite Person gewesen sein. Er brauchte nicht viel Grips, um sich zu denken, dass Jonas möglicherweise nur ein Ablenkungsmanöver durchführte.
Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, Andrea und den anderen Bescheid zu sagen, denn die Macht des Lilienkelches würde ihnen gehören, wenn sie der zweiten Spur folgten. Davon war Kevin überzeugt. Doch er hielt es für eine bessere Idee, wenn diese Macht nur ihm gehören würde. Er überlegte einen Moment lang, dann verfolgte er die zweite Spur.

Inzwischen war sogar Jonas erschöpft. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, wie seine Verfolger diese Hetzjagd nur aushielten. Selbst seine Kräfte waren nun verbraucht.
Er hatte es ihnen auch wirklich zu einfach gemacht. Es ist fast unmöglich, sich völlig lautlos durch einen Wald zu bewegen. Noch dazu, wenn man gerade rennt. Und schon gar nicht, wenn es stockfinster ist, Mondamulett hin oder her. Das Quartett war lediglich den Geräuschen gefolgt, die er machte.
Jonas sah nun ein, dass eine weitere Flucht sinnlos wäre. Es würde bis zum Morgengrauen, welches nicht mehr fern war, weitergehen. Spätestens dann, würde er das Amulett abnehmen müssen. Dann würden seine Chancen, Lebend wegzukommen noch weiter sinken. Und auch, wenn er jetzt den Wald verließ, würden sie ihn kriegen, dann wäre auch ihre Sicht wieder besser, und er hätte keine Bäume mehr, die er als Deckung nutzen konnte.
Nun stand er vor einem kleinen, schmalen Bach. Auch hier standen keine Bäume als Deckung mehr, sodass man ihn im Mondlicht gut sehen konnte.
Er sprang mit einem Satz über den Bach. Jeder andere Mensch, würde durch den Bach waten müssen. Der Junge rannte weiter. Nun war er knapp 50 Meter von dem Bach entfernt.
Vor ihm stand ein großer Baum. Diesmal war es eine Fichte. Allerdings konnte er sich nicht dahinter verstecken, denn seine Verfolger würden gründlich nach ihm suchen. Doch ihm kam eine bessere Idee.

Andrea tobte. „Wo ist er? Wo ist er?“ schnauzte sie.
Sie packte einen der Jungen am Kragen, und zog ihn zu sich heran.
„Wenn ich herausfinde, dass du es warst, der ihn entkommen ließ . . .“ drohte sie.
Keiner von ihnen, ahnte auch nur, dass sie beobachtet wurden. Jonas saß lächelnd im Geäst der Fichte. Das war wirklich knapp gewesen. Hätte er auch nur eine halbe Minute länger gewartet, hätten sie ihn erwischt. Jetzt konnte er sich endlich entspannen. Er musste nur warten, bis sie wieder weg waren. Dann konnte er den Baum hinunterklettern, und würde vielleicht sogar noch das Feenreichportal erreichen. Jonas sah auf die Pistole, die er noch immer in seiner rechten Hand hielt. Er hätte sie benutzen müssen, wenn sein Plan nicht aufgegangen wäre. Als er aber sah, wie sich seine vier Gegner zum Gehen wandten, atmete er erleichtert auf. Er hatte diesmal wirklich Glück gehabt, und lehnte sich zurück.
Und schon in diesem Moment, verließ ihn das Glück wieder.
Der Ast hinter ihm knackte erst, dann brach er. Jonas griff mit seiner linken Hand nach einem weiteren Ast, und packte zu. Doch auch dieser Ast konnte sein Gewicht nicht halten. Jonas schrie erschrocken auf, als er abbrach.
Vier Köpfe drehten sich augenblicklich in seine Richtung.
Die vier Jugendlichen zogen ihre Waffen hervor, und rannten auf Jonas zu, der schreiend vom Baum stürzte, während seine Knarre bleierne Obszönitäten spuckte.
Die Kugeln wirbelten Dreck und Erde auf, und ließen einem der Gegner den Schädel platzen.
Der Aufprall war schmerzhaft. Jonas spürte, dass seine linke Schulter, mitsamt dem Arm, brach. Er sah noch, wie Andrea nach seinem Mondamulett griff, während ihr Totschläger auf seinen Kopf niederfuhr. Aber das war ihm, im Angesicht seines Exitus, auch vollkommen egal.