Eine Geschichte von Daniel – Gelesen bei UNART

Andrea staunte über ihre neuen Kräfte. Für sie war es jetzt so hell, als wäre die Nacht zum Tag geworden. Sie hob einen Stock auf, der so dick war, wie der Oberschenkel eines Kleinkindes, und zerbrach ihn wie ein Streichholz.
Dann drehte sie sich zu ihren beiden übrigen Begleitern um. Einer der Jungen starrte entgeistert auf die Überreste, seines gefallenen Kameraden. Auch das Mädchen war total blaß geworden.
Seitdem Andrea das Mondamulett trug, kam ihr immer öfter der Gedanke, dass ihre beiden Freunde, für sie nur ein Klotz am Bein waren. Etwas in ihr, machte ihr Glauben, die beiden seien für alle Probleme und negativen Erlebnisse verantwortlich, die sie in ihrem Leben gehabt hatte. Sie umgriff den Totschläger, den sie in ihrer Hand hielt, noch fester. Sie wusste nun, was zu tun war. Sie hatte es schon so oft getan. Und noch vor weniger als einer Viertelstunde, hatte sie ihr erstes menschliches Opfer gefunden. Es sollte aber bei weitem nicht ihr Letztes sein.
„Hey, ihr beiden da, kommt doch mal her.“ sagte sie mit einer Stimme, die viel tiefer und Raubtierhafter klang, als ihre Eigene „Ich will euch mal etwas ganz Tolles zeigen.“

Tobias hetzte durch die Höhle. In der Drachenhöhle war es dunkel. Überall an den Wänden, befanden sich Feuernester. Diese spendeten der Umgebung ein diffuses Licht. Er achtete aber nicht sonderlich auf seine Umgebung. Denn seit wenigen Minuten, hatte er wieder einen Verfolger. Der Übergang war für ihn Merkwürdig gewesen. Er hatte ein Kribbeln gespürt, als würden Tausende Ameisen über seine Haut krabbeln.
Für Kevin war das Tor unsichtbar gewesen. Er war sehr überrascht, als er sich nicht mehr im Wald befand, sondern inmitten einer riesigen Höhle.
Die Überraschung hatte sich auch dann nicht gelegt, als er Tobias entdeckte. Aber jetzt hatte der Fiesling wieder ein Ziel, das er verfolgen konnte. Tobias war einfach zu erschöpft, um noch weiterlaufen zu können. Kevin sah, wie er sich einfach zu Boden fallen ließ. Anscheinend wollte er sich einfach nur ausruhen.
Tobias stand wieder auf, und kroch hinter einen Felsen. Kevin lächelte über die Wahl dieses schlechten Schlafplatzes. Er schlich jetzt langsam weiter. Er wollte kein unnötiges Geräusch machen, um Tobias nicht aufzuwecken. Der Tod sollte für ihn, schnell und überraschend kommen.
Kevin spähte um den Felsen herum. Er sah die Jacke von Tobias. Mehr konnte er nicht erkennen, aber das störte ihn auch nicht weiter. In dieser Höhle, war es halt sehr dunkel.
Kevin musste sich vorsehen, dass er nicht zu weit nach links ging. Er erkannte nämlich, dass dort ein Geröllabhang steil hinunterging. Er dachte sogar einen Moment lang darüber nach, ob er die Leiche von Tobias dort hinunterwerfen sollte, nachdem er ihn erledigt hatte. Ging er jedoch nach rechts, würde er nur vor einer schorfigen Felswand stehen, die mit ein paar kleineren Nischen durchzogen war.
Nun war Kevin ganz um den Felsen herumgeschlichen. Er zog sein Messer aus dem Gürtel, und hob es über den Kopf.
„Das mache ich mit Leuten, die mich beklauen.“ rief er laut.
Mit diesen Worten ließ er das Messer auf die Jacke herabsausen. Die Klinge durchdrang den Stoff, und prallte vom darunterliegenden Gestein ab. Während Kevin noch verwundert auf die Klinge starrte, die die Jacke von Tobias aufgespießt hatte, ertönte eine Stimme aus dem Hintergrund: „Und das mache ich mit Leuten, die zu dämlich sind, um eine einfache Falle zu erkennen.“
Es war die Stimme von Tobias, und ebenjener stürmte nun aus einer der Nischen, und trat Kevin in die linke Seite.
Doch er hatte einen erfahrenen Kämpfer vor sich. Kevin sprang außer Reichweite von Tobias Angriffen, und stand auf. Er hatte immer noch sein Buschmesser in der Hand. Davon machte er jetzt reichlich Gebrauch. Kevin streifte Tobias Jacke von der Klinge, und ließ sie achtlos hinter sich fallen. Dann stieß er mit der Klinge nach Tobias, der ihm nicht mehr ausweichen konnte, und fügte ihm einen langen Schnitt in die Schulter zu.
Tobias biss die Zähne zusammen. Wenn er jetzt anfing, vor Schmerzen zu Schreien, würde er den Kampf mit Sicherheit verlieren. Aber das würde er ohnehin, denn Kevin war viel größer und schwerer, und damit auch stärker, als er. Jetzt half nur noch eine List.

Während Kevin sich erneut bereit machte, Tobias anzugreifen, sah er, wie sein Gegner plötzlich ganz blaß wurde.
„Der Lilienkelch!“ schrie er.
Kevin drehte sich blitzschnell um. Er sah, wie die Jacke von Tobias den Geröllabhang hinunterzurutschen drohte. Dann ließ der Junge sein langes Buschmesser fallen, um sich nach der Jacke zu bücken, und sie aufzuheben.
Er war einen Moment lang abgelenkt, und mehr brauchte Tobias auch nicht.
Tobias sprang vor, und trat in Kevins Gesicht. Zufrieden hörte der Junge, wie einige Zähne zersplitterten. Dann sprang er wieder zurück, um Kevins Angriff zu entgehen. Dieser wollte nach seinem Messer greifen, und stand wieder auf. Nun trat Tobias erneut zu, und traf in voll an der Brust. Der Tritt ließ Kevin nach hinten taumeln. Geradewegs auf die Geröllhalde zu.
Kevin fiel hinunter. Er überschlug sich mehrmals, während er die Halde immer weiter hinabrutschte.
Tobias hob Kevins Messer auf. Er sah den Besitzer nur undeutlich am Grund der Halde liegen.
„Du hast hier etwas vergessen!“ rief er, und warf das Buschmesser auf die liegende Gestalt. Tobias sah nicht, ob er traf, und es interessierte ihn auch nicht weiter. Was ihn aber interessierte, war, dass auch seine Jacke nun die Geröllhalde hinabrutschte.
„Zum Glück bin ich nicht halb so dämlich, wie der Depp es glaubte.“ murmelte Tobias.
Dann zog er den Lilienkelch aus der Nische, in der er sich versteckt hatte, und machte sich wieder auf den Weg.