Künstlerisches arbeiten mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen im Atelier

Vortrag Verein für Kunsttherapie Köln e.V. Dezember 2003
Eva Cukoic

Zur Einführung in die Thematik möchte ich einen kurzen Blick auf die Historie der bildnerischen Produktionen von psychisch kranken Menschen werfen und Theorieansätze herausgreifen, die für unsere Arbeit von Bedeutung sind.

In dem gerade zu Ende gegangenen 20. Jahrhundert war der Einfluss der Kunst von Außenseitern so groß, wie in keinem anderen Jahrhundert zuvor. Die künstlerische Avantgarde zu Beginn des letzten Jahrhunderts entdeckte die bildnerischen Produktionen von Kindern u. psychisch Kranken, die Kunst der Primitiven, und ließen sich von ihr inspirieren. Als Bildquelle dienten sie Künstlern wie Paul Klee, Max Ernst, der Cobra und Oldenburg. Der Künstler Jean Dubuffet gab schließlich diesen Werken ihre kunsthistorische Zuordnung mit dem Begriff Art Brut, als rohe ungeschliffene, akademisch und seiner Meinung nach auch kulturell unbeeinflusste Kunst.

Prinzhorn, Kunsthistoriker und Psychiater spricht in seinem Werk „Bildnerei der Geisteskranken“ 1922 von einem „sich ständig erneuernden Ausdrucksbedürfnis, einer Gestaltung als Prozess eines sich äußernden Triebes“. Er vertrat die Meinung, das ein bildnerisches Produkt nicht aus Gesundheit oder Krankheit, sondern aus Gestaltungskraft entstehe.

Margarete Naumburg, wendete in den 40er Jahren den „Ausdruck unbewusster Gefühle“ erstmals kunsttherapeutisch an. Die bildnerische Form wurde dabei vernachlässigt, da gemäß Freud`scher Vorstellung „ das Formale den Inhalt verhüllt“. Bilder werden bei ihr als Ergänzung der sprachlichen Symbole betrachtet, als Mittel der symbolischen Kommunikation.

Für Edith Kramer kommt der bildnerischen Arbeit eine ordnende Funktion zu. Das Gelingen der formalen Bewältigung bekommt Bedeutung, wird als Versuch verstanden „Ordnung im Chaos“ herzustellen, als Versuch der Ich-Bildung und Ich Stabilisierung.

Kohut als ein Vertreter psychoanalytischer Konzepte der Narzissmustheorie, sieht in der Kunst das Bemühen, mit einem Auseinanderbrechen des Selbst fertig zu werden.

Nach psychoanalytischen Vorstellungen knüpft künstlerisches Arbeiten einen Bezug zu allerfrühesten primären, vorsprachlichen Erlebnissen der ersten 18 Monate an, aus dem Bereich des „Unerinnerbaren und Unvergesslichen“ (A.Frank).

Primäre und sekundäre psychische Prozesse lassen sich im Bild gleichzeitig darstellen. Kunst und Musik entspricht dem präsentativen Symbolsystem, d .h. verschiedenes und kontroverses kann gleichzeitig dargestellt werden. Sprache hingegen ist diskursiv, d.h. es ist nur ein nacheinander möglich.

Jeder von Ihnen hat sicher schon bemerkt, das es bei dem Versuch bildnerische Symbole in Sprache zu transformieren, unweigerlich zu einer Veränderung kommt.

Aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie hat Winnicott das Konzept des Übergangobjektes geprägt.

Danach wird das Omnipotenzgefühl des Säuglings durch die Erfahrung der Abwesenheit der Mutter gestört und erfährt in dem Übergangsobjekt einen Tröster, der zu der Außenwelt gehört, aber die vom Säugling illusionär erschaffene Mutter bedeutet. Erst wenn das Kind fähig zur Illusion ist, darf die Desillusionierung erfolgen. In der Beziehung zwischen subjektiv Vorgestelltem und objektiv Wahrnehmbaren entwickelt sich der intermediäre Bereich, die Wurzel für Symbolbildung, Imagination und Spiel und damit die Entwicklung eines wahren stabilen Selbst. (das kann z.B. „innerhalb des Ateliers eine Raum im Raum Konstruktion sein ,als Schutzraum)“

Projektvorstellung

Zum besseren Verständnis zunächst einige Hintergrundinformationen:

Regelmäßig wöchentlich treffen sich Kinder im Alter zwischen sechs und 18 Jahren für ein- einhalb bis drei Stunden in den Räumen der Grundschule Waldlehne in Essen. Vier Gruppen gibt es zur Zeit bei der Unart: Zwei Gruppen kommen aus dem stationären Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie und werden von uns mit dem Auto abgeholt. Das Atelier ist von der Klinik in 10 Minuten zu erreichen. Die Kinder aus den beiden anderen Gruppen werden durch die Klinik ambulant betreut und kommen selbständig.

Eine Auswahl der Gruppen nach diagnostischen Kriterien erfolgt nicht.

Alle Gruppen werden von zwei Künstlern begleitet. Neben den laufenden Gruppen mit den Kindern gibt es noch drei Erwachsenengruppen, auf die ich hier nicht eingehen werde.

Zunächst einmal Grundlegendes

Die Frage nach der therapeutischen Wirksamkeit bildnerischen Schaffens beschäftigt nicht nur mich, sondern auch Ärzte, Therapeuten, Klinikverwaltungen und Krankenkassen. Deshalb möchte ich mögliche Wirkfaktoren benennen, in dem ich Ihnen grundlegendes über unser Projekt mitteile.

Das Atelier ist in seiner Bestimmung ein Ort außerhalb der Therapie, er ist absichtlich „exterritorial“ verankert ist, d.h.:

1 außerhalb der institutionalisierenden Kunst

2 und außerhalb der Klinik

Im Atelier sind die Kinder und Jugendlichen an einem Platz, der sie von der Station trennt, umgekehrt sind sie auf Station vom Atelier getrennt. Der Wechsel von einen Ort zu dem anderen ist mit Trennung, Übergang und einem Neubeginn verbunden.

Das Atelier gehört zum Außen und nicht zum Innen der Institution. Jedes mal müssen die Kinder den schützenden Rahmen der klinischen Versorgung verlassen, es kommt zu einem periodisch wiederkehrenden Moment von Zusammensein und Trennung. In diesem Zusammenhang werden die Kinder und Jugendlichen im Sinne Winnicotts angeregt, Übergangsphänomene zu kreieren, die im Atelier Gestalt annehmen können.

Die sich im Übergangsphänomen konkretisierenden Erfahrungen des Zusammen- und Getrenntseins, lässt dem Atelier somit eine individualisierende Funktion zukommen.

Unser Atelier lässt sich nicht im Sinne der konventionellen Kunsttherapie verstehen, es ist viel mehr eine Ateliergemeinschaft deren gemeinsames Interesse eine bildnerische, künstlerische Arbeit ist. Jede Gruppe sollte daraus positives, einen Gewinn aus dem Projekt ziehen und neue Erfahrungen machen können. Bild Sofarunde

Gefördert wird das gemeinsame, freie weder institutionelle noch programmatisch gebundene, künstlerische Tun, darin steht die Auseinandersetzung mit der persönlichen Bildgestaltung im Mittelpunkt, einfacher gesagt:

Jeder sollte ermuntert und befähigt werden auf seine Weise Kunst zu machen.

Bild Claudia

Es ist ein Ort, an dem keine Therapie durchgeführt wird. Nicht die psychische Erkrankung steht im Vordergrund, sondern es sollte ein Raum für Spontanität der bildnerischen Produktion und die Entwicklung von Selbstwahrnehmung entstehen. Beziehungen die sich entwickeln, erfolgen nicht über Krankheit als Thema. Katharina

Ich zitiere(Eggers ):

„nur so kann sich der Patient in zunehmenden Maße als schöpferisch gestaltendes Subjekt empfinden, einen Weg finden, sein wahres Ich zu entdecken.“

Trotzdem wirkt das so verstandene Atelier therapeutisch. Unter den vielen möglichen Wirkfaktoren lässt sich vor allem die nichttherapeutische Ausrichtung im therapeutischen Gesamtsetting hervorheben. Das Atelier ist therapeutisch effektiv, weil nichttherapeutisch gearbeitet wird, man könnte von einer paradoxen Intervention im Sinne Watzlawicks (1991) sprechen.

Dies kann eine wichtige Motivation für die Kinder und Jugendlichen sein, ins Atelier zu kommen. Nach der Devise: Keiner muss- aber jeder kann mitmachen. So gibt es auf Station eine Warteliste von Kindern, die gerne mit in die Kunstgruppe gehen wollen. Die Entscheidung wer mitkommt, wird in der Klinik ausgehandelt.

Innerhalb des Ateliers gibt es Grundsätze, die die Annäherung zwischen Freiraum und Jannis Strukturierung in der Verantwortung von Künstlern und Kindern regeln. Sie betreffen

die Prozessorientierung, die durch Selbstbestimmung im Stil und Inhalt gekennzeichnet ist,

das Erfahrungslernen, durch das Konflikte des Miteinanders im Atelier gelöst werden können

und die „Regeln“, die durch das Material, die Verfahren, die Arbeitsorganisation und Gruppen- und Gestaltungsprozesse bedingt sind.

Die Wirkungsdimensionen auf der Gestaltungsebene lassen sich pointiert als

1 expressive Funktionbeschreiben, in der künstlerische Produktionen unbewusste, nicht verbalisierte Gefühle ausdrücken und in eine (M. Naumburg, 1940 1. Kunsttherapeutin)

2 ordnende Funktion, in der die bildnerische Arbeit als Ich-stabilisierender Versuch, Ordnung im Chaos herzustellen, angesehen werden kann. (Edith Kramer)

Die Deutung von Form und Inhalt findet im Atelier nicht statt, dafür ist Raum und Zeit bei der monatlich stattfindenden Supervision bei einem Psychoanalytiker.

Innerhalb des Ateliers teilen wir unsere Beobachtungen beschreibend mit, psychologisch betrachtet stiftet das Beziehung und orientiert die Wahrnehmung.

Die Jugendlichen haben beispielsweise die Angst , das sie mit ihren Arbeiten zum psychischen Röntgenapparat werden, Inhalte von uns hinter ihrem Rücken an die Station weitergeben werden.

Ein wichtiger Bestandteil des Projektes sind die Auftritte in der Öffentlichkeit. Im Rahmen von Ausstellungen und Projekten versuchen wir die geistige und psychische Lebenswelt, ausgedrückt durch Malerei und Objekten, in das öffentliche Bewusstsein zu integrieren. Die Arbeiten sind namenlos, zum Teil sind auch Arbeiten der Künstler darunter, es zählt was zu sehen ist, nicht wer malt.

Ich möchte nun auf die einzelnen Beteiligten eingehen, ihrem Rollenverständnis und Umgang miteinander.

Kinder und Jugendliche erleben die stationäre Aufnahme häufig als Verstärkung der Versager- oder Sündenbockrolle. Durch den räumlichen Wechsel von Station zum Atelier findet ein vorübergehender Tausch der Rollen statt. Sie nehmen für die Zeit im Atelier die Identität von Künstlern an, werden in dem ausleben von gesellschaftlich nicht angepasstem Verhalten ernst genommen, wie „erwachsene“ behandelt. Nicht selten passiert es, das Verhaltensweisen die uns von Station geschildert werden, mit der Jacke an der Garderobe abgelegt werden.

Innerhalb des Atelier ist es den Kindern und Jugendlichen gestattet verrückt zu sein, was sonst nur Kleinkindern zugestanden wird. Eggers bezeichnet dies als eine Phase, die entwicklungspsychologisch ein wichtiger Schritt vom „magisch-lustvollen Welt Erleben“ des Kleinkindes zur „rational-kritischen Reflexionsfähigkeit“ des älteren Schulkindes, Jugendlichen und schließlich Erwachsenen bedeutet.

Bildmaterial Decke im Atelier

So entstehen z.B. neue olympische Disziplinen wie der Teebeuteldeckenwurf, ein Anfangsritual, zunächst von einer Gruppe entwickelt, die mittlerweile gruppenübergreifend Anklang gefunden hat. Es besteht ein reger Austausch, welche Teesorten besonders geeignet sind.

Von den anwesenden Künstler zu eigenem Tun angeregt, wechseln die Kinder zwischen bildnerischen Produktion, Sprechen und Rollenspiel, in die wir oft miteinbezogen werden bzw. uns zur Verfügung stellen. Für eigene Produktionen bleibt den Künstlern hier wenig Zeit.

Bild Dars wader

Für die Künstler bedeutet die Arbeit im Atelier eine Konfrontation mit ungekünstelten bildnerischen Äußerungen von Kindern und Jugendlichen

Bild Steve malerei

Psychische Krankheit tritt in Erscheinung als Grenzsituation möglicher Existenz. Verletzungen, Wunden, Sensibilisierung, Durchlässigkeit von Spannungen und Widerspruch, von der Normalität der Gesellschaft verdrängtes wird sichtbar, erlebbar.

So wie ein Kunstmuseum ein Reservat für vielfältigste bildnerische Imagination sein kann,

ist sicher eine Landesklinik ein Reservat für von der Gesellschaft Verdrängtes, Tabuisiertes

„wildes Dunkles“ (levy-Strauss) und archaische Bildvorstellungen.

Wichtig für die Glaubhaftigkeit der Identität und zugleich problematisch ist, die eigene individuelle künstlerische Ausdrucksweise nicht aufzugeben, bzw. nicht auf die Patienten hin zu verlängern, die Kunst zu verwässern, oder die Rolle des Künstlers als Sozialarbeiter zu übernehmen. In der Arbeit mit den Kindern ist es schwieriger für die Künstler, die eigene Arbeit durchzuhalten.

Ängste die im Hintergrund mitschwingen, beziehen sich darauf im Umgang mit Laien

möglicherweise die Radikalität des Selbstausdruckes zu verlieren? Oder Gefahr zu laufen, die

kooperative Situation mit den Klinikmitarbeitern und Kranken libidonös (Interesse) so zu

besetzten, dass das Bedürfnis nach autonomen Kunstproduktionen unmerklich verloren geht. Selbstreflexion ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig

Ein Teil unserer Funktion innerhalb des Ateliers besteht darin, durch eigenes Arbeiten bzw. mitarbeiten und Hilfestellungen den Prozess so zu strukturieren, das eine Gradwanderung zwischen chaotischem Agieren und ängstlich zwanghaftem Festhalten an Bekanntem möglich wird. Also einen Raum schaffen für unvorstellbare Vorstellungen, einfühlen in Ausdrucksversuche und deren bildnerische Umsetzungen zwischen den Extremen zu öffnen.

Klinikmitarbeiter wie Ärzte, Schwestern, Praktikanten die mit in die Kunstgruppe kommen, sehen sich im Atelier auch in einer neuen Rolle. Wo sonst im Zentrum die Erkrankung steht, rückt jetzt auch für sie das gemeinsame künstlerische Arbeiten. Sie erleben sich und die Kinder anders und sind gezwungen einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Das ist krank und damit gehen wir so um, wird hinterfragt. Durch das überflüssig werden der tradierten Rolle der Klinik in der Kunstgruppe wird die fest eingeschliffenen Rollenbeziehung „Helfer / Therapeut- Patient nicht aufgelöst, aber deutlicher sichtbar und können besser in Frage gestellt werden.

Was passiert wenn die Gruppe zusammentrifft und welche Entwicklungsmöglichkeit ist in dem Verhältnis Künstler- Patient- Kunstprodukt enthalten

Vereinfacht folgendes:

Die Künstler kommen von außen, sind künstlerische und wache Beobachter. Die Kinder und Jugendlichen kommen von innen, der Klinik, in das Außen des Ateliers.

Zunächst sind alle initiiert- jeder ist „alleingelassen“ in der Situation des Kunstmachens.

Die unstrukturierte Situation provoziert „Hilflosigkeit“, die „Helferrolle“ hilft sofort dem Kind. Die bekannte Rollenverteilung „helfender Therapeut/Künstler/ hilfebedürftiges Kind

strukturiert zunächst wieder die Beziehung.

Der anfangs bestehende Beziehungswunsch des Kindes verschiebt sich allmählich auf das Kunstprodukt. Nachahmung und Identifikationsversuche finden über den Gestaltungsprozess statt. Über das Kennenlernen der Materialien entsteht die Möglichkeit der Objektivierung des Einzelnen, die individuelle Gestaltung, das produzieren aus eigenen Vorstellungen.

Das Produkt wird eine Art Übergangsobjekt zwischen Patient und Künstler und verändert die Rollenverteilung: die Beziehung hilfesuchender Pat.- helfender Künstler entfällt

Der erforderliche Schritt zur Individuation, um den psychische Konflikt zwischen Abhängigkeit—und—Individuation zu lösen, beinhaltet die „Abnabelung“ aus der engen , wie Mahler sagen würde symbiotischen Beziehung.(Mahler Symbiose) und erfordert ein Übergangsobjekt.

Auf die Funktion des bildnerischen Gestaltens als Übergangsobjekt möchte ich an dieser Stelle näher eingehen:

Aus psychogenetischer Sicht ist das bildnerische Gestalten eine späte Erscheinung in der frühkindlichen Entwicklung. Die Ausbildung des gestaltenden Ich’s steht in enger Beziehung zu der motorischen Entwicklung, sie beinhaltet die

Phase der Individuation, der Differenzierung von Selbst und Objekt, und die Entwicklung der Selbstrepräsentanzen und der Objektkonstanz

bei der Bewältigung der Trennung von primären Objekten(Mutter) und beim Individuationsprozeß hat das bildnerische Gestalten als kreative Ich-Leistung dabei stützende Funktion und kreist um den Prozess der Ablösung des Kindes von der Mutter

Innerpsychisch ist dies ein Vorgang in dem sich unbewusste Strebungen im Produkt, in der Veräußerung innerer Vorgänge sichtbar werden.

Bildnerische Produktion lassen sich in diesem Verständnis als Übergangsobjekt verstehen, die Bilder stehen in enger Beziehung, wie damals der „teddy“ zur produzierenden Person, sind gleichzeitig Partner intensiven Gefühlsaustausches. Zur Erinnerung : „Der Teddy als Symbol für die Mutter“ tritt in Beziehung, auch wenn diese nicht anwesend ist)

Interessant ist zu beobachten, wie die Art des Umgangs mit dem Übergangsobjekt ist, denn hieran „wiederholt und übernimmt das Kind die Umgangsweisen, die es seitens der Mutter selbst erfahren hat“. (Jansen) formuliert es verkürzt: der Umgang mit dem Objekt (also der bildnerischen Produktion) entspricht dem Umgang mit dem primären Übergangsobjekt.

Im handelnden Umgang mit dem Übergangsobjekt lernt das Kind den Unterschied zwischen symbolischem Wert des Objektes und der Bedeutung an sich. Der Wechsel der Betrachtungsweisen ist entwicklungspsychologisch ein wichtiger Reifungsschritt in Richtung Loslösung und Individuation

Wie Entwicklung angestoßen wird

Entwicklungsmöglichkeiten könnte das aufgeben von Stereotypien, autistischen und zwanghaften Verhaltensweisen sein,

Bildmaterial Saskia Blumenbild

die Fähigkeit zu freierem, spielerischem Umgang mit Materialien,

Bildmaterial Fensterbild saskia/Alexandra

aber auch zu spontaneren Beziehung zu Projektmitarbeitern,

Bildmaterial Bemalung Kindergruppe/mich

Oder dem Finden von Lösungsmöglichkeiten

Beispiel einfügen

Bildmaterial notebook

Hierzu wurde beispielsweise in unseren Werkstätten ein Prototyp eines Notebook

entwickelt und umgesetzt. Das mit der Suche des geeigneten Materials beginnt. Mit der

Auswahl einer hellblauen festen Pappe kann die Fertigung der High-Tech Oberfläche mit Silberpigmenten beginnen. Die Übertragung der Tastaturbelegung erfolgt direkt vom hauseigenen Rechner.

Das Gerät ist nun bereit zur Einwahl in das Internet. Wie der Name schon sagt kann das Notebook jede Not lindern und jeden Wunsch erfüllen. Zum Beispiel kann man sich damit eine große Portion Currywurst mit Pommes bestellen, die einem bald drauf gebracht wird.

Machmal sind auch Perspektivänderungen nötig um mit unerträglichen Situationen umzugehen

Bildmaterial rosa brlle

Passend zum Notebook gibt es diese rosarote getönte Funkbrille. Über die Spiralantenne werden Bilder aus dem Internet empfangen und auf die Innenseite der Brille projiziert. Auch im Offline-Betrieb leiste das Gerät gute Dienste, indem es die Umgebung im angenehmen Farbton erscheinen lässt.

Die Wichtigkeit von Spiel und Imagination für die Entwicklung der Selbstwahrnehmung und damit einer stabilen inneren Realität, lässt sich diesen Bildern dokumentieren.

Überforderte oder ehrgeizige Kinder entwickeln typischerweise psychosomatische Symptome wie Ein- und Durchschlafstörungen, deren symbolische Schreckgestalten auf Papier gebannt statt des Kindes allmählich das Atelier des Nachts in Unruhe versetzen kann

Bild Jannis

Stille und gefühlsreiche Kinder haben oft gemischte psychosomatische und psychische Symptome, die sich in Gereiztheit, Unsicherheit, Spiel- und Kontaktstörungen äußern können Minderwertigkeitsgefühle und Stimmungsschwankungen können sich gerade bei Jungen in aggressivem gereiztem, dissozialen Verhalten entladen

Bild Pierre

Kontrollierte und verdrängte aggressiver Impulse können sich in langsamen Prozessen lockern, spürbar werden und damit in Handlung umgesetzt werden. Das ausagieren fand hier zunächst ungerichtet auf Materialien statt, später zielgerichtet auf Zeichnungen an der Wand, die seine Aggressionen aushalten.

Manche Kinder agieren ihre Aggressionen (=Depressionserkrankung) im ständigen Erfinden neuer Kriegswaffen aus.

Bildmaterial 40, 41,42,43

Dabei findet ein Wechsel zwischen direkter bildnerischer Beschäftigung ,z.B. bauen einer Pistole aus Holz, styropur etc

und Rollenspielen statt, in dem die Bohrmaschine beispielweise als Waffe eingesetzt wird

Bildmaterial Göran, 44

Die unstrukturierte Situation provoziert gelegentlich

Befürchtungen unsererseits, dass das Zusammentreffen von ängstlichen und unsicheren Kindern mit dominanten, aggressiven Kindern möglicherweise eine Auflösung in der eigenen stützenden psychischen Struktur unterstützt, zeigten sich als unbegründet. In der unstrukturierten Situation ohne Anweisungen, lediglich Materialien stehen herum, bilden sich spontan einzelne haltgebende Untergruppen bspw. um den Tontisch oder den Aquarelltisch, wo meist konventionellere Produkte entstehen.

Bildmaterial melissa

Wir haben auch das bauen von Buden aus Karton als eine Art Abgrenzung in der offenen und ungeschützten Situation des Raumes gedeutet. Die Kartonhüllen wurden in der Klinik und nach Hause mitgenommen und im Zimmer aufgestellt. Bild polizeiauto

So entstand eine transportable Version einer Bude in Form eines Polizeiautos, eine wertvolle Hilfe, um auch zu Hause für Recht und Ordnung zu sorgen. Das amtliche Kennzeichen ist übrigens gleichlautend mit dem des Fahrzeuges der Großmutter.

Bild polizeiauto

Die Angst vor dem ungeschützten sich produzieren müssen scheint die Erwachsenen mehr zu beschäftigen als die Kinder.

An diesem und den folgenden Beispielen möchte ich zeigen das dem Raum an sich bereits eine Bedeutung zukommt. Im Sinne Winnicotts erhält der Raum die Funktion als Übergangsraum, man könnte sagen, der Raum zwischen den Institutionen ist bereits Übergangsraum.

Es ist nicht ungewöhnlich das von den Kindern und Jugendlichen zunächst eine Aneignung des Raumes, die Inbesitznahme von Objekten stattfindet. Hier findet eine Wandflächengestaltung statt, die man als Inbesitznahme eines unpersönlichen Raum verstehen könnte. Die Aktion wird zur Kommunikationsfläche innerhalb der Gruppe aber auch Gruppenübergreifend.

Bildmaterial Wand

Dazu gehört auch das bemalen von Möbelstücken, Inventar, liegengebliebene Arbeiten. Der Anstrich mit einer neuen Farbe signalisiert den Wechsel der Besitzer

Bildmaterial Sofa

Andere Formen der Inbesitznahme sind Handabdrücke und Tacs

Bildmaterial Tacs

Es geht auch darum den Raum mit allen Sinnen zu erfahren, Verwandlungen und Imaginationen zuzulassen. Der Raum erlaubt es „ein Bild entstehen zulassen“. In der psychischen Regression, dem „sich im Raum Verlieren“, entsteht eine Art Imaginationsfähigkeit, eine Art innerer Vorstellungsraum. Die Erfahrung dieses intermediären Raumes, Illusion und Desillusionierung zuzulassen, ermöglicht eine lebendige und kreative Haltung gegenüber der äußeren Realität zu entwickeln. Kinder ohne hinlängliche guter Elternbeziehung in der frühen Kindheit können diese Erfahrung teilweise im Atelier nachholen (Rafael).

Ein permanenter Schutzraum hat sich im Laufe der Jahre in einer der Ecken eines Arbeitsraumes gebildet. Er besteht aus zum Teil bemalter Pappe, Holzlatten und leisten und einem Kleiderständer und verfügt über eine seperate Innenbeleuchtung. Man kann sich dort ungestört umziehen oder auch sonst einmal für sich sein.
Gelegentlich findet die Inbesitznahme in der Form statt, das man dort zum Tee eingeladen wird.
Bild Bude
Die Behausungen nehmen je nach Kind und Bedürfnislage unterschiedlichste Funktionen und Formen an, über tragbare Einfamilienhäuser, die Wünsche aller Bewohner berücksichtigen

Bild Kevin 33 34

bis hin zu kleinen Raum im Raum Installationen, die mit Detailreichtum und Farbgestaltung auf den Wert hinweisen

Bild Göran

oder Raumschiffen, ausgestattet mit Sauerstoffversorgung und anderen wichtigen Überlebenstechniken, die es ermöglichen, sich auf angenehmere Planeten als den hiesigen fortzubewegen.

Bild Raumschiff

Auch mit Seifenkisten, die mehr oder weniger realistischen Funktionen haben mal mit, mal ohne Räder, lässt sich ein Neustart in die Rennbahn des Lebens versuchen.

Bild Seifenkiste

Die Atelierräume ermöglichen sich im Spannungsfeld von Nähe und Distanz, Kontrolle und Loslassen zu bewegen. Manche Kinder verweilen wochenlang im Malatelier in Geselligkeit und Begleitung, andere bleiben von vorneherein im hinteren Werkraum, weniger unter den neugierigen Augen der Anderen, sich an die unvertraute Situation und fremde Tätigkeit gewöhnend, andere wechseln innerhalb der Gruppe zwischen den Räumen, ein Gleichgewicht zwischen den Möglichkeiten austarierend.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass für die Kinder im Raum fast zu viel vorhanden ist, manche lassen sich rasch ablenken, wir laufen Gefahr die Rolle der Ordnungshüter zu übernehmen. Lässt sich vermeiden, wenn wir zusammen mit den Kindern etwas produzieren, z.B. etwas was in die Symbolik des Kindes passt.

Bildmaterial hund lisa

In der Gruppe mit den Jugendlichengruppe dominieren Themen, die mit den Krisen dieser Phase verbunden sind.

Die Pubertät und Adoleszens wird von den Jugendlichen als

Einschnitt erlebt, unter dem sie selbst und ihre Umwelt leiden

In der Auseinandersetzungen mit den Autoritäten der Kindheit, den Eltern stattfinden

Die Suche nach der eigenen Identität,

Die Selbstadoption ihres Äußeren, Ihres Körperbildes, der hormonell bedingte Umwandlung und ihrer emotionalen und intellektuellen Schwächen und Fähigkeiten

Sie erleben mehr Leistungsstreß, durch erhöhte Anforderungen in der Schule und Beruf

Eine Situation die viel innere Konfrontation und Verunsicherung bedeutet.

Ausdruck von Pubertätskrisen sind

Zunahme des Weglaufens, Streunen und Gammeln als ausweichen vor den Forderungen der Schule und des Berufes

Häufig zu beobachten sind Motivationsprobleme, die sich auch in der Kunstgruppe wiederspiegeln. Die Jugendlichen empfinden sich in ihrem Selbstbild nicht als richtige Künstler, haben höchstens die besseren Ideen. In dem Versuch es im Atelier selber zu versuchen verschafft Erleichterung und bricht den Bann des Unbekannten.

Wenn die Atelieratmosphäre intensiv genug ist, kommen die Jugendlichen von alleine, oder überzeugen ängstlichere mitzukommen, oft genug gilt es auf Station, Motivationsarbeit zu leisten, etwas aushandeln, das die Jugendlichen überzeugt oder ein einlassen ermöglicht.

Aus therapeutischer Sicht ist das Haupthindernis, das sich Jugendliche nur wenig von der Sicherheit bietenden Klink weg bewegen, es besteht kein Grund etwas Unbekanntes, Bedrohliches kennen zu lernen. Da die Kunstgruppe außerhalb des Klinikrahmens „Exterritorial“ stattfindet, könnte man das Verhalten als Problematik der Individuation (n. Jansen> Trennungs- und Individuationskonflikt) verstehen. Die therapeutische Funktion der Kunstgruppe könnte als Aktivierung der Individuation betrachtet werden.

Die Künstler holen die Jugendlichen von Station ab, nehmen in der Klinik an der Stationskonferenz teil, Gelegenheit für einen Austausch. Sie erfahren Interesse und Unterstützung vom Personal und werden mit einem Versorgungspaket mit Wasser, Tee, Joghurts und Zwieback ausgestattet, es erleichtert den „Abschied“, bzw. regt gelegentlich zu Produktionen an

Bild Zwieback

Im Atelier ist die Auseinandersetzung mit dem Äußeren ein wichtiges Thema. Häufig entstehen Selbstbildnisse oder es wird der Wunsch geäußert, porträtiert zu werden. Die Bitte oder das Verlangen lässt sich verstehen als Wunsch, über das bildnerische Produkt von einem anderen ein Bild von sich selbst vermittelt zu bekommen.

Auf der dreidimensionalen Ebene entstehen Masken, Gipsabdrücke von Körperteilen und Körperbemalungen, die sich mit der Frage nach der eigenen Identität oder dem Wunsch /der Veränderung des Selbstbildes, des Vorwegnehmens möglichen Seins und Probehandlungen auseinandersetzen.

Bildmaterial Masken , Aphrodite,etc

Sie sind Ausdruckeiner phasengerechten Verunsicherung der Identität, bis hin zum Ausdruck mangelnder Selbstwahrnehmung und Unfähigkeit zu differenzierter Beobachtung.

Beispiele einfügen

Zum Abschluß möchte ich noch beispielhaft einige Bilder herausgreifen, die deutlich machen, wie und worauf gearbeitet wird.

Beispiel :Großes Papier an der Wand. Es gibt hierzu die Anregung, möglichst die Fläche auszu nutzen. Die Aufmerksamkeit ist hier auf die eigene Bewegungsmöglichkeit gelenkt. Die Fläche ist nicht nur Projektionsfläche für Bilder, sondern gleichzeitig körperhaftes Gegenüber- zu dem einfache Bewegungen direkt markiert werden können, wo man sich selber spüren kann.

Es wird nicht nur im sitzen gemalt- sondern im Stehen gearbeitet, der ganze Körper wird in den Vorgang hineingezogen. Innere Anspannungen können z. B. direkt an der Bildwand ausagiert werden.

Bild Jugendgruppe Prozeß blaues Bild

Herumliegendes Material, Holz wird in gänzliche neue Sinnzusammenhänge gebracht, für physikalische Experimente eingesetzt oder zu Objekten gestaltet, deren alltäglicher Ursprung und Nutzen aufgehoben wird

Bild Drehscheibe für körperliches ausagieren

Mit einem Ausblick in die unendlichen Möglichkeiten die der Computer als neuestes Medium bietet

Bild 63

Möchte ich mit der Zukunftsversion unserer Welt im Jahre 2509 schließen und mich für

ihre Aufmerksamkeit bedanken

Besonders möchte ich mich bei Paul Schwer bedanken, auf dessen Gedanken und schriftliche Verfassungen ich mehrfach Bezug genommen habe.