Zwischen Kunst und Therapie

Nach Peter RECH (1984) muss das Geräusch des Sprechens in der Therapie nicht unbedingt Sprache werden. Genau dies ermöglicht die Kunst. Als Beispiele aus dem Bereich der Kunst seien hier nur die Ursonate von Kurt SCHWITTERS und eine Aktion von BEUYS während einer Immatrikulationsfeier 1967 erwähnt (VERSPOHL 1984). BEUYS versucht dabei bildhaft (z.B. Pfeifen anstelle von Sprechen, Axt als Requisit) u. a. daran zu erinnern, dass Sprache ein Spaltungsprozess der Laute sein kann.

Auf die therapeutische Bedeutung unseres Projektes bezogen fassen wir zusammen: Aufgrund der vieldeutigen und vielwertigen Zeichen, d.h. der präsentativen Symbolik künstlerischer Arbeit, können z. B. psychotisch erkrankte Kinder und Jugendliche eine noch unbestimmte Bildung von „Sprache“ und „Dialog“ wagen und damit aus ihrer autistischen Abkapselung herausfinden. Die oft scheinbar unwiderrufliche Geschlossenheit des Symptoms wird porös. In einzelnen Beziehungen (Vertraute) innerhalb der Kunstgruppe wird es dem Patienten gestattet, auf seine eigene Weise „verrückt“ zu sein und in eine gemeinsame phantasmatische Kommunikation (BENEDETTI 1984) einzutreten. Dies bedeutet ein erster Schritt zu Imagination, Spiel, Symbolbildung und Selbstwahrnehmung und damit zur Entwicklung einer stabilen inneren Realität, zur Sprache und zum Dialog (WINNICOTT).

In der Gruppe bildet sich spontan jeweils rasch ein spezifischer Sprach- und Interaktionsraum aus, wobei die auf Erkrankung fixierte therapeutische Beziehung wegfällt, was paradoxerweise therapeutisch wirken kann.

Die Ablösung eines pathologischen Zusammenhangs kann ohne die Notwendigkeit des Mediums Sprache über die bildnerische Arbeit durch den Patienten selber erfolgen.

Durch „lebendige Form“ gelangt die „Expressivität der Welt“ (RICOEUR 1974) zur Sprache, zum Ausdruck, zum Erleben (Döser).

Paul Schwer

(Literatur beim Verfasser)